2. August 2001, 19.00h
Warten auf das reinigende Gewitter. Wolken sind wohl schon da, aber zu dünn und gleichmäßig.
Heute war eigentlich nur als Siesta zu ertragen. Die blauen Vorhänge zugezogen, damit die Hitze nicht reinkommt.
Zwischendrin hab ich mal bei den Bildern von dem Merlin-Rätsel die Ränder abgeflämmt, die waren komplett zusammengepappt und nur mit dem Messer auseinander zu kriegen. Da war wohl irgendne Chemikalie in dem Papier, das stank bestialisch. Vorhang auf zum Lüften – Hilfe! Da kam eine Hitze-Walze rein. Also wieder zu, lieber Räucherstäbchen an.
Na ja, im Radio sagen sie, heute war der heißeste Tag des Jahres.
Nicht, dass ich heute gar nichts getan hätte.
Der Sedlatschek sagte mir am Dienstag, dass er erfahren hat, dass der Erol Lotta in den Knast zitiert hat, und zwar am 1., wenn sie Geld hat, basta.
Aber ich hab nicht geglaubt, dass Lotta auch hinfährt.
Doch, sie war da, und ich bin heute umsonst da hin gelatscht.
Nein, war okay, einmal wegen dem Sport, ich hab mir das Wasser aus den Rippen geschwitzt, und überhaupt, die neuen Schuhe sollten bis zum Schulanfang eingelaufen sein.
Und dann der Weg!
So weit ist das gar nicht von Katernberg aus. Das sieht nur so aus, weil es nirgendwo nen zusammenhängenden Plan von Essen und Gelsenkirchen gibt. Und obendrein ist der Knast noch nicht eingezeichnet, und so konnte ich auch kaum abschätzen, wie lang die Aldenhofstraße ist.
Man verlässt Katernberg über die Schalker Straße. Die ersten fünfzig Meter davon, bis zu einer schmalen Bahnunterführung, die die Sicht auf das, was dahinter kommt, versperrt, sind noch historisch relevantes Katernberg, links Arbeiterhäuschen unter Platanen, sowas wie der 100-Meter-Bau in kleiner, und rechts ein altes Verwaltungsgebäude vom Zollverein, ganz in Backstein, dunkel.
Hinter der Unterführung beginnt das Dead-End.
Rechts ist der Blick frei auf eine riesige Halde, Bagger schütten Humus darüber, und ich vermute mal, sie wird demnächst begrünt. Laut Plan müssen da bis vor kurzem noch zwei Fördertürme gestanden haben, doch die hat man wohl platt gemacht.
Ich sagte ja schon, historisch nicht relevant.
Links eine Moschee, und die ist architektonisch eigentlich gut gelungen, Silberdach mit goldenem Halbmond, die Form des Gebäudes erinnert an die alte Synagoge in Essen, aber dann in Backstein, der Zechensiedlung angepasst.
Sie wäre echt schön, wenn da nicht ein angefangener Turm fürs Minarett wäre.
Sieht nach einem erbitterten Rechtsstreit aus.
Darf ein Minarett die Fördertürme ersetzen?
Und mir fällt ein, in Kolbermoor musste der Schlot des Industriedenkmals Spinnerei auf die Hälfte gekürzt werden, damit er den Kirchturm nicht überragt.
Also, die Reihenfolge ist so: erst Geld, dann Kirche, dann die Kultur, die deutsche, versteht sich, und dann? Wann sind eigentlich Minarette dran? Und wer regelt sowas?
Na, zumindest wird da noch gekämpft. Auf beiden Seiten.
Dahinter nicht mehr. Und da wird recht bald klar, wieso es von der Gegend keinen zusammenhängenden Plan gibt: das Gebiet ist generell nicht relevant. Da beginnt der Abstieg. Der soziale, nicht der topographische. Die Straße ist eben.
Zechensiedlung in Grau, unrenoviert, ohne Bäume.
Keine Menschenseele zu sehen. Gut, ich nehme an, normalerweise ist die Straße bevölkert, doch es ist Ferienzeit, die sind alle in der Türkei. Okay, in manchen Fenstern hängen Schalke-04-Wimpel. Die sind dann halt in Mallorca.
Aber nicht, dass es still wäre. Dieser Teil der Schalker Straße mündet in die Autobahnzufahrt Heßler. Ein LKW nach dem anderen brettert vorbei, jeder wirbelt eine dicke Staubwolke auf.
Und ich gehe auf der Straße ohne Bäume, die Sonne brennt mir ins Genick, und der Staub ist überall und knirscht zwischen den Zähnen. Ja, das kenn ich. Von früher, aus der Türkei. Aber das gibt’s da schon lang nicht mehr.
Im hinteren Teil der Schalker Straße fahren keine Laster. Da ist überhaupt kein Verkehr. Altbauten stehen da, älter als die Zechensiedlung, grau-bunt, unrenoviert, Toilette (sehr feines Wort, das trifft’s sicher nicht) im Treppenhaus, Kohleofen.
Müll liegt auf der Straße rum und fliegt unkontrolliert durch Wind und Staub. Die Leute, die da wohnen, haben kein Geld, in die Türkei oder nach Mallorca zu fahren.
Alte Männer, junge Männer, die noch nicht ganz so alt aussehen, hocken lethargisch vor der Tür bei Bier und Korn. Es ist zehn Uhr morgens. Zwei Fünfzehnjährige schieben ihre Babys im Kinderwagen hin und her.
Dann kommt die Stadtgrenze, mit Schild und rot-weißem Gitter, das die Straße trennt. Sieht aus wie ein Schlagbaum.
An dieser Stelle muss man die Stadtpläne wechseln.
Danach kommt die Katernberger Straße, und die gehört zu Gelsenkirchen, so wie die Schalker Straße zu Essen.
Ich meine, sowas hätte ich eher in Beirut oder in Sarajevo vermutet. Doch nicht bei uns!
Aber in Sarajevo hatten wir sowas vor kurzem auch noch nicht für möglich gehalten.
Ende Katernberger Straße ist das Zigeunerlager. Die, die man in Gelsenkirchen immer mit dem Bus fahren sah.
Ich bin da nicht rein, denn man spürt, die haben Angst vor Fremden. Aber das Elend dort ist auch aus der Ferne betrachtet entsetzlich.
Nur der Schwarzbach, eine stinkende Kloake, trennt das Lager vom Knast. Von der Brücke sieht man auf den hässlichen Betonklotz, in dem die meisten der Zigeuner früher oder später sowieso landen werden.
Nein, das hat gereicht, das kommt heftig rüber, und ich hätte mich auf Erol gar nicht konzentrieren können.
Ich hab immer noch Staub in den Haaren.
Aber jetzt warte ich erst mal auf das Gewitter. Vorher bringt das nix.
Erol rief am Nachmittag an, Lotta will ihn auch nächste Woche besuchen, und anscheinend ist die Wohnung doch noch nicht verloren. Ich soll nen Brief schreiben. Er schreibt auch fei in ehrlich zurück. Er hat bloß meine neue Adresse verloren.
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[...] Der Grenzübergang von Essen nach Gelsenkirchen [...]